Samstag, 29. März 2008 21:49
Das Spielen kennen wir meist nur aus unserer Kindheit. Es wurde uns erzählt, dass diese Phase der Freiheit dann zu Ende ist, wenn wir in die Arbeitswelt gehen. Wenn Sie das oder etwas ähnliches noch nie gehört haben, gehören Sie in unseren Breitengraden zu einer sehr kleinen Gruppe. Kinder haben die Gabe zu spielen und Erwachsene haben die Pflicht zu arbeiten. Manche Erwachsene vermissen das Spiel nicht. Aber die meisten suchen nach vielen Gelegenheiten, um zumindest teilweise - ab und zu - Spaß zu haben.
Der Prozess während der Jugend, der diese heranwachsenden Menschen oft in Schwierigkeiten bringt, ist die Umgewöhnung von Spiel in Arbeit. Man kann es auch nennen „die Umgewöhnung von Leichtigkeit in Festigkeit“, oder „von Kreativität in Aktivität“. Leider wird dieser Prozess auch von Pädagogen völlig unterschätzt (um es milde auszudrücken), obwohl dieser Bereich Ihr größtes Fachgebiet ausmacht.
Es lebe der Sport
Oft hört man aus Fachkreisen unterschwellig, dass es sich für einen intellektuellen, gebildeten Menschen nicht gehört, jeden Samstag Fußball-Bundesliga zu schauen, man habe ja schließlich wichtigeres zu tun. - So ein Blödsinn! Sport (neben wahrer Kunst) ist wahrscheinlich die kulturell wertvollste Sache, die wir im Fernsehen noch finden.
Ich habe kaum mehr positive Emotionen (siehe Kapitel Emotionen) gesehen, als wenn der Lieblingsverein ein wichtiges Tor schießt.
Der einzige Haken dabei ist, dass wir nicht „körperlich“ mitspielen. Trotzdem sind wir voll dabei, indem wir geistig mitspielen, was durch emotionale gedankliche Beteiligung geschieht. Und wo wären dann die ganzen Zuschauer, die diese Begeisterung letztendlich auslösen, wenn alle mitspielen würden.
Es gibt viele bekannte Spiele, die jeder von uns schon einmal selbst gespielt oder bei einem solchen Spiel zugeschaut hat:
- „Fußball spielen“,
- „Tennis spielen“,
- „Klavier spielen“,
- „Computer spielen“,
- „Lotto spielen“,
- „Schach spielen“,
usw.
Wie wäre es denn, wenn wir diese mutwillige Begeisterungsfähigkeit auf andere Bereiche übertragen und damit beginnen würden, zum Beispiel:
- „Firma aufbauen spielen“,
- „Musik oder Gemälde erschaffen spielen“,
- „Kinder erziehen spielen“,
- „Probleme lösen spielen“,
- „Kriege verhindern spielen“,
- „Leben spielen“?
Sportlicher Ehrgeiz
Mit der Wiederentdeckung des Spiels können wir Probleme leichter lösen, als wenn wir hart arbeiten. Natürlich ist das echte spielerische Herangehen an eine Sache auch eine Frage der Emotionen zu dem entsprechenden Thema. Manche Leute verstehen einfach wenig Spaß. Warum nur? Wahrscheinlich sind sie anders programmiert, zum Beispiel auf Pünktlichkeit, Fleiß und andere ähnliche Tugenden. Diese Merkmale sind nicht unwichtig, aber ohne Spaß bei der Sache macht uns das eigentlich zu Sklaven oder Knechte eines verschobenen Weltbildes.
Die Bestandteile eines Spiels
Ein Spiel beinhaltet im qualitativen Sinn auch der Reihe nach: „Ambition“ + „Logik“ + „Optimierung“. Am Anfang steht die Ambition, dann das Herangehen mit Logik, um am Ende eine definierte Optimierung zu erzielen.
Glück (im Sinne von Freude, Enthusiasmus) ist das Endresultat aus einem zuvor gewollten optimierten Zustand.
Einfach ausgedrückt: Wir haben ein Spiel, wenn wir ein ZIEL in Form eines „erträumten Goals“ haben, das wir erzielen möchten und uns ein Spielfeld erschaffen oder ein vorhandenes betreten, auf dem es festgelegte Gesetzmäßigkeiten und eine Art Gegner gibt, die den Reiz an der Sache ausmachen und aufrechterhalten.
Im Grunde besteht ein Spiel also aus einem „klar abgesteckten Spielfeld“, aus „Regeln“, aus „Freiheiten“ und aus einem „Gegner“, der die Sache spannend und zeitweise unüberwindbar macht. Eine wesentliche Voraussetzung ist selbstverständlich, dass der Gegner das ganze auch als Spiel ansieht. Natürlich haben wir vor allem in der Geschäftswelt Gegner, die uns mit anderen als spielerischen und fairen kämpferischen Mitteln entgegentreten. Aber genau darin liegt die zusätzliche Herausforderung und Chance, uns mit Kompetenz und zielgerichtetem Fleiß besonders zu profilieren.
Oft wird der „kriminell“ agierende bzw. wirkende Gegner dabei deklassiert, was der aufgeklärte Zuschauer mit Genugtuung anerkennt.
Sollten Sie Unternehmer oder eine Führungskraft sein, dann ist dies ein sehr bedeutendes Thema, denn die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern hängt sehr stark davon ab, wie Ihre Fähigkeiten ausgeprägt sind, Ihren Leuten ein Spiel zu geben.
Lasst uns also alle ein Spiel spielen, eine Herausforderung annehmen und dabei Spaß haben.
Der Zweck eines Spieles
Bei einer Olympiade gibt es sehr viele Teilnehmer, die je nach ihren speziellen Fähigkeiten, möglichst realistische Ziele anstreben. Diese heißt es aber, immer in irgendeiner Form zu gewinnen. Das kann man in 3 Hauptkategorien:
1) Eine Gold-Medallie, d.h. Olympiasieger werden
2) Irgendeine Medallie zu holen, d.h. auf dem Siegertreppchen zu stehen
3) Oder einfach nur dabei gewesen zu sein
Egal welches Ziel jemand hatte, es hat trotz extrem harter Arbeit viel Spaß gemacht.
Nun zurück zum Alltag.
Wie können wir also erreichen, dass unser Leben, also auch unsere Arbeit und Verpflichtungen, uns als Spiel vorkommen, das wir verantwortungsbewusst sehr ernst nehmen und dabei größtenteils Spaß haben?
Die Antwort ist zwar einfach aber die Umsetzung oft schwer: Wir müssen Ballast abwerfen und spielerisch denken lernen. Grundsätzlich können wir das, denn als Kinder ist es uns leicht gefallen, wir konnten das sogar hervorragend.
Wir müssen den konservativen „Ernst“ aus der Sache rausnehmen und uns wieder an unsere kindlichen Eigenschaften erinnern, die in diesem Sinne recht positiv waren. Ich rede hier nicht von Unwissenheit sondern von Leichtigkeit, Neugierde, Tatendrang, usw.
Nehmen Sie das bitte wörtlich und lassen Sie sich einfach mal gehen.
Loslassen
Sich gehen lassen wird auch gerne als Loslassen bezeichnet. Doch was heißt das? Ich stelle oft fest, dass die meisten Menschen mit dieser Aussage zunächst sehr wenig anfangen können, obwohl es ihnen grundsätzlich schlau erscheint.
Ich möchte es hier mal so erklären, wie es die meisten meiner Trainees am besten verstanden haben. Schauen wir uns zunächst einmal an, was es heißt etwas festzuhalten. Warum und was halten wir fest? Festhalten kann man verschiedene Dinge; hier nur einige Beispiele:
1. Sich selbst, in der Straßenbahn, damit man nicht umfällt.
2. Ein Lenkrad beim Autofahren.
3. Einen Tennisball, kurz vor dem Aufschlag zum Gegner.
4. Klaviertasten, um den vorher angeschlagen Ton länger anzuhalten.
5. Einen Gedanken, den man nicht verlieren will.
6. Einen Witz, den man gehört hat und tierisch gelacht hatte.
7. Eine künstliche Charaktereigenschaft, da wir sie uns mühsam als Schutz oder Überlebensmechanismus angeeignet haben.
8. Eine fixe Idee, aus der Kategorie Selbstabwertung.
9. Einen Mitarbeiter, der eigentlich gehen will oder den wir eigentlich nicht mehr haben wollen.
Es ist klüger, das was man unter Kontrolle haben möchte, gänzlich loszulassen, damit es seinem natürlichen Fluss folgen kann. Erst dann haben wir die Möglichkeit diesen natürlichen Fluss nutzbar zu machen. Selbst beim beharrlichen oder krampfhaften Festhalten einzelner Elemente würden wir das Gesamtwerk festhalten und einen harmonischen Fluss verhindern. Loslassen bedeutet somit „das Spiel laufen zu lassen“ und durch Beobachtung und Intuition lieber die übergeordneten Steuermechanismen zu koordinieren.
Beispiel: Ein Trapezkünstler im Zirkus muss sich zunächst an einem Trapez festhalten, um seinen Körper dann mit viel Schwung völlig frei durch die Luft fliegen zu lassen, um dann ein gegenüberliegendes Trapez zu ergreifen. Das ganze ist meist verbunden mit artistischen Darbietungen während der Flugphase. Er erhält seinen wohlverdienten Applaus nur, wenn er auf der anderen Seite sicher ankommt. Damit das Kunststück gelingt, muss er das erste Trapez loslassen. Interessant ist, dass erst dann das eigentliche Meisterwerk beginnt, wenn er den sicheren Hafen, also das erste Trapez, völlig losgelassen hat. Er wird nur durch dieses scheinbare Fallen lassen auf der anderen Seite ankommen können. Zu Beginn seiner Laufbahn ist er sicher sehr oft herunter gefallen. Aber irgendwann hat er so das Fliegen gelernt und später dann auch das „Zupacken“. Dieser Prozess des „Erlernens eines Kunststückes“ oder „Erlangen einer Fähigkeit“ ist übertragbar auf sehr viele Lebensbereiche.
Wir wissen nun, dass wir, wie der Trapezkünstler, nur wachsen und lernen können, wenn wir loslassen – erst dann können wir richtig zupacken und erhalten den dadurch verdienten Lohn.
In einem Spiel - und zwar in jedem - gehört folgender Mechanismus immer dazu: Wir müssen es beherrschen, Dinge nur zu einem richtigen Zeitpunkt festzuhalten, um sie im richtigen Moment loszulassen, damit das Spiel fließen kann. Weiterhin müssen wir Dinge im richtigen Moment wieder aufgreifen bzw. festhalten, um sie dann wieder abzugeben oder loszulassen. Wer dieses Steuern beherrscht, ohne dabei den korrekten Fluss zu beeinträchtigen, der ist ein echter professioneller Spieler. Die Sache wird gelingen und meist für außenstehende leicht aussehen.
Das Spiel der Führungskraft
Als Führungskraft haben Sie die Aufgabe auch in dieser Sache und eigentlich ganz besonders in dieser Sache für Ihre Mitarbeiter ein Vorbild und Vordenker zu sein. Nennen wir einen Vorgesetzten, Manager oder Erzieher, doch einfach mal „Vor-Spieler“, der sich durch das Vorgeben und Vorleben eines Spieles als ernst genommener Spielführer auszeichnet. Seien Sie also ein Spielführer, Team-Chef oder Spielmacher, oder wie immer Sie sich in obigem Sinne bezeichnen würden! Egal wie groß Ihre Mannschaft ist.
Da die Problemzone Mitarbeiter (Mitspieler, Team) sehr komplex ist, habe ich diesem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet.
Weiter zum Kapitel “Mitarbeiter”.
Oder lesen im Buch: Spielend zum Ziel - Das Realisieren von Träumen